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Stöppach ändert sein Gesicht

Stöppach ändert sein Gesicht

Stöppach, altes Gemeindehaus
Stöppach, altes Gemeindehaus Foto: Heinz Stammberger

Stöppach ändert sein Gesicht

Stöppach-alte Postkarte
Stöppach-alte Postkarte Repro: Heinz Stammberger

Der 100. Geburtstag der Stöppacher Schule ist ein Festtag für beide Gemeinden und ein freudiges Ereignis für alle, die durch diese Schule gegangen sind, weil es an jenen Lebensabschnitt erinnert, an den man so gerne zurückdenkt, wenn man älter geworden ist. Für die, die der Lebensweg hinausgeführt hat aus dem vertrauten Tal, •weckt dieses Geburtstagsfest zugleich auch die Erinnerung an die Heimat selbst, von der die Schule ein wesentliches Stück ist.
Die jüngste Vergangenheit war besonders geeignet, Verbindungen zu zerreißen, Familien zu zerstreuen, Freundschaften zu sprengen. Nun gibt dieses Fest die Gelegenheit, wenigstens für ein paar Stunden mit den Menschen wieder zusammen zu sein, mit denen man seine Jugendzeit verbracht hat, eine Zeit, die für viele den schönsten Abschnitt im Leben darstellt. Man spricht über die großen und kleinen Erlebnisse, über manchen Jugendstreich und über die vielen Begebenheiten, die inzwischen von der Erinnerung vergoldet worden sind. Aber über allem leuchtet dabei auch die alte Heimat noch einmal auf, so wie sie einst war, „.. .als ich Abschied nahm ...". Und wer wachen Sinnes sein Heimatdorf, den Schauplatz der hundertjährigen Schulgeschichte, betrachtet, kann nicht übersehen, wie sehr sich das Gesicht des Dorfes und seine Menschen in diesen hundert Jahren verändert haben.
Wer das Schuljubiläum zum Anlaß nimmt, nach vielen Jahren der Abwesenheit wieder einmal nach Stöppach zurückzukehren, wird klopfenden Herzens den Schritt anhalten, wenn er auf dem „Scherneckersberg" angekommen ist — und wenn sich plötzlich das Stück Erde vor ihm auftut, das er seine Heimat nennt. Auf den ersten Blick hin wird er meinen, es sei alles wie einst. Da ist das Tal mit dem kleinen Bach, da sind die braunen und dunkelroten Ziegeldächer, die hinter grünem Laub her vorschimmern; da blühen die Wiesen und die Felder in den baumübersäten Fluren wie eh und je. Ungebrochen steht der Hohensteiner Wald wie ein dunkler Wall im Westen, wie früher schauen im Norden die Häuser der Haarth vom Berg herab, und aus der Ferne grüßt die mächtige Veste Coburg, die einst dem Lande Schutz und Recht gab.Aber wenn der Heimkehrer den Blick wie der dem Dorf zuwendet und seine Schritte hinablenkt, merkt er schnell, daß es nicht mehr das Stöppach seiner Jugendzeit ist. Nach allen Richtungen hin haben neue Häuser die Geschlossenheit der alten Siedlung gesprengt. Vergeblich sucht er nach manchem alten vertrauten Gebäude; andere findet er vergrößert und mit neuer Fassade. Die alten grauen Scheunen sind mächtig in die Höhe und Breite gewachsen. Vergebens sucht er den unteren Teich, auf dem er als Junge Schlittschuh lief, oder das alte Fachwerkhaus am oberen; vergebens sucht er den alten Backofen und die jahrhundertealte Linde, die Mittelpunkt des Dorfes und Treffpunkt der Jugend war. Verändert findet er sein Schulhaus und dessen Umgebung. Auch dieses Dorflein, das sich mit seinen schlechten Wegen geradezu gegen jeden Eindringling zur Wehr zu setzen scheint, hat sich verändert. Die großen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten hundert Jahre haben auch in Stöppach ihre Spuren hinterlassen.
Als 1862 in Stöppach die Schule gebaut wurde, geschah es dank der Fürsorge des Landesherrn, des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha. Dann brachte der Deutsch - französische Krieg von 1870/71 ein Deutsches Reich und ein rasches Aufblühen der Wirtschaft in den Jahren bis zur Jahrhundertwende. Damals begannen sich Industrien zu entwickeln, Fabriken und Handwerksbetriebe entstanden, die ersten Stöppacher Männer gingen nach auswärts zur Arbeit. Der Verkehr nahm zu — und um die Wende des Jahrhunderts drangen die ersten Pfiffe der Rossacher Eisenbahn in das Stöppacher Tal. Die Schulkinder waren mit dem Lehrer hinunter nach Meschenbach gezogen, um mit Liedern und Blumen den ersten Zug zu begrüßen — als ob sie ahnten, daß damit eine neue Zeit auch in dieses ländliche Gebiet ihren Einzug hielt: das Zeitalter der Technik und des Verkehrs.
Aber die Politik brachte das Volk um die Früchte des wirtschaftlichen Aufschwun ges und stürzte Deutschland 1914 in den Ersten Weltkrieg. Die wehrfähigen Männer des Dorfes wurden zu den Fahnen ihrer thüringischen Regimenter gerufen — und dreizehn von ihnen gaben ihr Lebenfür die Heimat. Für die, die wiederkehrten, war der Krieg zum großen Erlebnis geworden. Die Gespräche in den Wirthäusern drehten sich in den nächsten zwei Jahrzehnten immer um dieses Erlebnis. Nach dem verlorenen Krieg wurde Deutsch land Republik — und mit der Eigenständigkeit des Coburger Landes war es zu Ende. 1920 wurden seine Bewohner zur Wahl gerufen. Auch Stöppach entschied sich für den Anschluß an Bayern. Coburg schied aus dem thüringischen Landesverband aus.
Der verlorene Krieg brachte die Not. Der Hunger drang bis in dieBauerndörfer, die Inflation raubte die Ersparnisse der kleinen Leute. Und doch war alles nur ein Vorspiel zur großen Katastrophe, die schon zwanzig Jahre später folgte. Die Weltwirtschaftskrise am Anfang der dreißiger Jahre traf auch Deutschland schwer. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurden schlecht bezahlt, mancher Bauer brachte seine Ware wieder heim, die er zum Samstags-Markt nach Coburg gefahren oder getragen hatte. Die Arbeitslosigkeit griff immer mehr um sich. Kein Wunder, daß die einfachen Leute — nicht in der Lage, die Zusammenhänge zu durchschauen — ihre Hoffnung auf Hitler setzten, der eine bessere Zukunft versprach. Doch der wirtschaftliche Aufschwung und der soziale Fortschritt wurden in ungeheurer Maßlosigkeit verspielt, die unser Volk und die Welt in den schrecklichsten aller Kriege stürzte. Im guten Glauben hatte sich die Jugend der neuen Fahne verschrieben. Nun mußte sie es auf den Schlachtfeldern ganz Europas büßen — und darüber hinaus in die Gefangenschaft wandern. Wieder mußten die Familien einen schweren Blutzoll zahlen. 17 Stöppacher sind nicht heimgekehrt. Und wofür sind sie gestorben? Dafür, daß Deutschland zerstört und zerteilt wurde und der völligen Vernichtung nahe war.
Stöppach, am Ende des Krieges von den Amerikanern besetzt, hat den Krieg ohne Zerstörungen überstanden, aber von den Kriegsfolgen wurde es in aller Schwere getroffen. Jahrhundertelang hatten seine Einwohner in der Abgeschlossenheit des Coburger Landes dahingelebt. Verwandtschaftliche Bindungen bestanden zu den Dörfern der Umgebung, vielleicht noch bis nach Thüringen hinauf. Nun ergoß sich der Strom der Flüchtlinge ins Land. Auch in Stöppach mußten die Stuben und Kam mern der Bauernhäuser zu Notwohnungengemacht werden. Die Probleme, die durch diesen Flüchtlingszustrom entstanden, waren nicht gering. Verschiedenes Volkstum, unterschiedliche Kulturräume und verschiedene Religionen trafen aufeinander. Jahre mußten vergehen, ehe die Angleichung der Menschen in der Dorfgemeinschaft vollzogen war. Gleichzeitig wurde durch den Eisernen Vorhang das Coburger Land von seinem natürlichen Hinterland Thüringen abgetrennt. Wirtschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen, in Jahrhunderten aufgebaut, wurden plötzlich zerstört oder doch unterbunden.
Wieder kehrte die Not ein — verbunden mit Marken, Schwarzmarkt, „Hamstern" und all den häßlichen Begleiterscheinungen. Doch mit der Währungsreform von 1948 brach der Lebenswille der Menschen erneut hervor. Mit Entschlossenheit gingen die Gemeindebürger an eine Arbeit,die sich lohnte. Es wurde neugebaut und umgebaut, vergrößert, verschönert, modernisiert. Stöppach fing an, sein Gesicht zu verändern, das es im großen und ganzen über ein halbes Jahrhundert gewahrt hatte. Gleichzeitig begann die Technik endgültig das Dorf zu erobern. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik entzog der Landwirtschaft die Arbeitskräfte. Sie mußten durch Maschinen ersetzt werden. Da wo früher das „Hü" und „Hott" über die Felder schallte, rattern heute die Traktoren; Bindemäher und Mähdrescher sind an die Stelle der Schnitter und Schnitterinnen getreten; die Arbeit in Haus und Stall ist ohne Maschinen nicht mehr denkbar; aus den Wohnungen dringt am Abend das Programm von Radio und Fernsehen; die „Brak" ist längst dem Auto gewichen; mit Motorfahrzeugen ist der Weg zum entferntesten Arbeitsplatz kein Problem mehr. Die neue Zeit, die Zeit der Technik und des Verkehrs, ist auch in Stöppach eingezogen. Sie hat aber nicht nur das Gesicht des Dorfes, sie hat auch die Menschen und ihre Lebensgewohnheiten verändert.Früher war das Dorf eine in sich geschlossene Gemeinschaft, in der die Menschen aufeinander angewiesen waren. Der Besuch Coburgs oder einer Kirchweih in der Umgebung war noch ein Ereignis. Das Leben spielte sich im Dorf ab und im eng begrenzten Raum der Landschaft. Die Wirtshäuser waren Stätten der Unterhaltung und des einfachen Vergnügens. In dieser Abgeschlossenheit hielten sich die alten Sitten und Gebräuche, die von Generation auf Generation vererbt worden waren. Die Alten wußten noch zu erzählen von wunderbaren Dingen. Für sie war die Natur noch belebt mit überirdischen Wesen. Sie kannten noch die schönen alten Bräuche von der Walburgisnacht, vom Silvesterabend und vielen anderen Gelegenheiten. Mit der Zunahme des Verkehrs und der Allmacht der Technik ist diese alte Form des Lebens zusammengebrochen. Heute spielen Entfernungen keine Rolle mehr, der Besuch der Stadt ist alltäglich geworden, Reisen gehören zur Mode; durch Zeitungen, Reklame und durch den Äther dringt die „moderne Welt" gewaltsam in das einst so stille Tal. Die alten Formen der Unterhaltung, und Geselligkeit — man denke nur an die „Lichtstubn" oder den „Plaa" zur Kirchweih — sind tot. Sie wurden
den von Kino, Fernsehen und Unterhaltung aus Automaten ersetzt. Man ist nicht mehr an das Dorf gebunden. Wer Sinn hat für Tradition und echte, natürliche Lebensformen, blickt mit Wehmut zurück auf die „schöne alte Zeit". Aber das Rad der Geschichte läßt sich nicht aufhalten. Auch in Stöppach vollzieht sich ja nur eine Entwicklung, die längst das ganze Land erfaßt hat. In raschen Schritten vollzieht sich eine Angleichung der Lebensgewohnheiten von Stadt und Dorf, und das Wort Tempo bestimmt hier wie dort den Lebensrhythmus. Stöppach hat nicht die Strukturänderung mitgemacht wie viele der Nachbargemeinden. Die Handwerksbetriebe haben nicht die Expansion erfahren wie überall in der Umgebung, für Industrieansiedlung fehlte die günstige Verkehrslage. So ist Stöppach nach wie vor bäuerlich bestimmt. Aber schon stehen den etwa fünf zehn landwirtschaftlichen Betrieben weit mehr als das Doppelte an Familien gegenüber, deren Ernährer zum Arbeitsplatz nach auswärts fahren. Werden die bäuerlichen Kleinbetriebe den Belastungen standhalten können, die notwendige Technisierung auf der einen und zunehmende Konkurrenz durch den europäischen Markt auf der anderen Seite mit sich bringen? Wird andererseits nicht jeder wirtschaftliche Rückschlag tiefe Rückwirkungen auf das Dorf haben, bei der großen Zahl der unselbständig Arbeitenden?
Die Frage wird beantwortet werden müssen von der jungen .Generation des Dorfes. Diese Antwort wird aber auch wesentlich mitbestimmt werden von der Schule, durch die die Jugend geht und durch die sie geformt wird. Bei den hohen Anforderungen, die heute in jedem Beruf gestellt werden — gleich ob Bauer oder Handwerker, Arbeiter oder Angestellter —, ist eine gute Schulbildung notwendiger denn je. Die Dorfschule hat darüber hinaus die Auf gäbe, Menschen zu erziehen, die von der Liebe zu ihrer Heimat erfüllt sind, in der Tradition des bäuerlichen Lebens verwurzelt, und sich doch für alles Neue aufgeschlossen zeigen.Daß der Stöppacher Schule im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens die Erfüllung dieser Aufgabe gelingen möge, ist der sehnliche Wunsch aller, die sich der Heimat verbunden und verpflichtet fühlen.
Quelle:
Hugo Hauck ist der älteste Sohn des Gastwirts Albin Hauck, Stöppach und als Studienprofessor in Würzburg tätig

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